Gastbeitrag: Nachhaltige Urbane Mobilität 2030

Den nachfolgenden Gastbeitrag haben wir von K. Theodor Hermann erhalten. Er ist seit 8 Jahren über sein Unternehmen CARSYNC GmbH Mitglied bei ITS Germany e.V. und nimmt dort regelmäßig an Arbeitskreissitzungen teil. In dieser Funktion hat er das Papier mitgeschrieben, das unter der Federführung von Dr. Claus Habiger, Vizepräsident ITS Germany e.V., Berlin entstanden ist.

Urbane Mobilität steht vor einem disruptiven Umbruch

Die urbane Mobilität steht vor einem disruptiven Umbruch. Dieser stellt neue, aber auch bekannte Herausforderungen an die kommunalen Entscheidungsträger. Zum einen stehen Kommunen in einem immer stärker werdenden Wettbewerb als Wirtschaftsstandorte. In diesem werden Lebensqualität und Mobilitätsangebote zu immer wichtigeren Faktoren im Standortwettbewerb.

Vor allem Umweltbelastungen durch Lärm und Luftschadstoffe wie CO2, NOx und Feinstaub vermindern die Lebensqualität signifikant. Seit geraumer Zeit ist auch klar, dass diese Herausforderungen nicht allein durch Fortschritte in der Fahrzeugtechnik gelöst werden können, sondern dass auch kommunale Maßnahmen zur Verminderung der Schadstoffbelastung umgesetzt werden müssen. In Ermangelung von Alternativen haben deutsche Gerichte bereits konkrete Einfahr- und Durchfahrverbote angeordnet. Wird jedoch nur die Antriebsart der Fahrzeuge ersetzt, bleiben weiterhin die Staus, die durch die immer noch zu hohe Anzahl der Fahrzeuge auf kommunalen Straßen verursacht werden, ein signifikantes Mobilitätshindernis und so ein wichtiger (negativer) Standort- und Wirtschaftsfaktor.

Multimodale Mobilitätsplaner gewinnen an Bedeutung

Die Digitalisierung hat längst auch die Mobilität erreicht. Deren Auswirkungen gehen mit gravierenden Veränderungen in der Struktur der Mobilitätsangebote und deren Steuerung einher. Am gravierendsten wird dieser Wandel beim Zugang zu Mobilitätsangeboten und der Planung der persönlichen Mobilität wahrgenommen. Heute schon werden Reisewege mit Hilfe von Internetangeboten und Mobilitäs-Apps geplant und ausgewählt. Das Angebot ist vielfältig und wird in naher Zukunft weiter steigen. Vor allem multimodale Mobilitätsplaner werden noch weiter an Bedeutung gewinnen. Des weiteren haben viele Applikationen bereits eine digitale Bezahlfunktion für den ÖPNV oder digitale Tickets integriert, sodass der klassische Ticketkauf mit Bargeld und Papierfahrschein zukünftig noch weiter an Bedeutung verlieren wird. 

Die Mitgliedsunternehmen von ITS Germany liefern Komponenten und Systeme für die Digitalisierung aller Mobilitätsmodi. Solche intelligenten Verkehrssysteme (engl. Intelligent Transport Systems – ITS) werden zwar heute schon für Teilbereiche der Mobilität eingesetzt, ihr ganze Potential zur Vergrößerung der politischen Gestaltungsmöglichkeiten wird jedoch aktuell nicht ausgeschöpft.

Wandel der Mobilität nicht nur auf Kundenseite beschränkt

Der Wandel der Mobilität ist jedoch nicht auf die Kundenseite beschränkt. Viele Kommunen haben bereits die Möglichkeiten der digitalen Verkehrsorganisation sowie der digitalen Verkehrssteuerung erkannt und setzten diese bereits im Wirkbetrieb ein. Aus eigenen Verkehrssensoren gewonnene Verkehrslagedaten werden mit frei am Markt verfügbaren und kommerziell erhältlichen Daten und Informationen angereichert und zur Verkehrssteuerung eingesetzt. So können Verkehrsströme dynamisch geplant und gesteuert werden.

Die Informationen werden Verkehrsteilnehmern zum Beispiel über Verkehrsbeeinflussungsanlagen zur Verfügung gestellt. Vermehrt werden diese Informationen auch direkt ins Fahrzeug eingespielt. Im Bereich des Öffentlichen Personenverkehrs (schienengebunden oder auf der Straße) gehören Rechnergestützte Betriebsleitstellen (heute ITCS) mit Informationen zur Fahrzeugpositionen und aktueller Fahrplanlage längst zum Standard. Fahrgäste werden über Informationsbildschirme, Ansagen – und vermehrt auch direkt in digitalen Mobilitätsapplikationen  – über Verspätungen und aktuelle Anschlüsse informiert. Auch in diesem Bereich ist abzusehen, dass der technologische und organisatorische Fortschritt zukünftig in immer schnellerem Tempo weiter Möglichkeiten eröffnen wird.

Die Handlungsoptionen der Kommunen sind begrenzt

Die Handlungsoptionen der Kommunen in den verschiedenen Handlungsfeldern sind jedoch begrenzt. Einerseits sind die Verkehrsträger mindestens in den Hauptverkehrszeiten bereits heute überlastet – dies betrifft sowohl Straßen- als auch Schienenverkehrswege. Die Tendenz ist klar steigend, sodass sich die Situation in Zukunft weiter verschärfen wird. 

Dem gegenüber stehen unzureichende finanzielle Ressourcen vieler Kommunen. Oft sind kommunale Mittel für Verkehrswege so knapp, dass damit nicht einmal der notwendige Unterhalt der Infrastruktur ausreichend gedeckt werden kann. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass Investitionen in die Digitale Infrastruktur typischerweise wesentlich kosteneffizienter sind, als solche in klassische Hardware-Infrastruktur, wie der Bau neuer Straßen.

Aber auch der Markt limitiert die kommunalen Handlungsmöglichkeiten. Durch die zunehmende wirtschaftliche Vermarktung der oben beschriebenen digitalen Angebote entstehen neue Wertschöpfungs- und Kausalitätsketten, die kommunalen Zielen im Mobilitätsmanagement entgegenstehen können. Probleme mit Navigationssystemen, die zum Beispiel Stauumfahrungen durch Wohngebiete empfehlen, sind bereits heute bekannt und es ist nur eine Frage der Zeit, wann kommerzielle Mobilitätsapplikationen durch ihre Kundenbindung einen großen Teil der modalen Verteilung der kommunalen Mobilität bestimmen. 

ITS Germany und seine Mitglieder beobachten die Probleme und zunehmende Verschlechterung des Stadtverkehrs in Deutschland, z. B. zunehmender Stau und Überschreitung der Abgaswerte. Kommunen kämpfen gegen drohende Fahrverbotes und es besteht dringender Handlungsbedarf, damit die Attraktivität und Lebensqualität der Städte nicht nachhaltig geschädigt wird. 

Ende des Gastbeitrages

Vor diesem Hintergrund hat der Autor gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Intelligente Urbane Mobilität 2030 des ITS Germany e.V. ein Dokument verfasst, das über die Bewältigung von aktuellen und zukünftigen Herausforderungen in der kommunalen Mobilität berichtet und dabei die Chancen aufzeichnet, die wir zu deren Bewältigung haben. Hier finden Sie den Link zu dem White Paper Urbane Mobilität 2030.

Herzlichen Dank an K.Theodor Hermann für diesen Gastbeitrag.