Urbane Mobilität quo vadis – was passiert nach COVID-19?

In den letzten Wochen bemerken wir, dass die verhängten Ausgangsbeschränkungen sich auf alle Facetten unserer Mobilität auswirken. Die Straßen in den Städten sind leer, die Autobahnen frei, viele der Mobilitätsdienste habe ihre Flotten stillgelegt oder ziehen sich ganz zurück. Ein paar Besipiele:

Die Luftfahrt konzentriert sich auf das Frachtgeschäft und das Zurückholen im Ausland gestrandeter Menschen. Schon wird vielerorts über die Verstaatlichung der Lufthansa Airline spekuliert, da das restliche Passagiervolumen in kaum vorstellbarem Umfang eingebrochen ist. Das Angebot auf der Schiene oder die Fernbusse von Bahn, Flixbus und blablabus sind auf ein Minimum zurückgenommen.

Auch von den Mobility Startups kommen die zu erwartenden Reaktionen in einer solchen Krise. Viele der Dienstleister melden Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter an, die TIER Vorstände verzichten auf Teile ihrer Gehälter, SIXT schließt gar seinen Chauffeurdienst und entlässt die dazu gehörigen 80 Mitarbeiter. Den Vogel schießt im wahrsten Sinne des Wortes Bird ab: mehr als 400 Mitarbeitern wird im Rahmen einer zoom-Konferenz digital gekündigt. Hier zeigt sich wieder die amerikanische Hire- and Fire Mentalität: wer seine Marke nachhaltig beschädigen möchte, der geht in dieser Form vor, unglaublich.

Überall auf unseren Straßen herrscht also Stillstand. Am vergangenen Wochenende ist selbst der erwartete Run der Städter in die Berge ausgeblieben, zum Glück.

Wie geht es weiter in Sachen Mobilität in Deutschland?

Wer in den Medien die Diskussionen rund um die Entwicklung der Mobilität in unserem Land für die Zeit nach Corona (COVID-19) verfolgt, der kann zwei konträre Strömungen erkennen. Die Einen rufen nach dem Besinnen auf die alten Werte, um damit die Arbeitsplätze zu schützen und nicht noch weiteren Druck auf die OEMs und Teile der Zulieferer aufzubauen. Ein kurzfristig einberufenes Gespräch der Automobilhersteller mit Kanzlerin Merkel in der vergangenen Woche wird genau so gewertet.

Eine konträre Gruppe sieht gerade jetzt eine Chance, nun endlich mit den alten Gewohnheiten zu brechen und den Fokus in Sachen zukunftsfähiger Mobilität auf nachhaltige, digitale Mobilitätslösungen wie Elektroautos, elektrische Zweiräder und sinnvolle Sharing Konzepte in den Urbanen Zentren zu legen.

Wir brauchen einen großen und nachhaltigen Wurf

Wie gelingt uns nun tatsächlich der Umbruch zu nachhaltiger Mobilität, ohne dabei deren Anbieter in unserem Land auszuradieren. Arbeitsplätze schützen und gleichzeitig die Zukunft angehen. Geht das überhaupt?

Keine Frage, unser Fokus muss derzeit darauf gerichtet sein, die Pandemie in den Griff zu bekommen und dann die Produktion und den Betrieb wieder anlaufen zu lassen. Doch wer danach auf ‘business as usual’ setzt, der macht einen großen Fehler. Ein Bestehen auf das Herstellen des Status Quo der Zeit vor dem Ausbruch der Pandemie kann es schon alleine deshalb nicht geben, weil wir aufgrund der unglaublichen Höhe der Rettungsmittel in Höhe von mehr als 1,2 Billionen Euro neue Wege einschlagen müssen. Und diese Lösung kann nur erfolgen, wenn sie unser Netzwerk über die Grenzen Deutschlands hinweg mit einbezieht.

Die deutsche Automobilindustrie kann nicht einfach zurück zu ‘business as usual’

Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender von VW, hat das vor wenigen Tagen gut erklärt: “Wir haben Werke in Spanien, Italien, Portugal, Ungarn, Tschechien und Polen. Wichtige Lieferanten sind in den besonders von Covid 19 getroffenen Regionen zu Hause. In dieser hochvernetzten Industrie kann Europa nur gemeinsam wieder starten und bestehen. Unsere Volkswirtschaften und Gesellschaften dürfen keinen irreparablen Schaden nehmen. Die Krise zeigt, wie wichtig Europa und Solidarität sind”, Zitat in einem Beitrag auf seinem LinkedIn Profil. Dahinter steckt auch die Erkenntnis, dass wir in Deutschland nicht alleine entscheiden können, welchen Weg die Mobilitätslösungen in unserem Land einschlagen. Wir müssen den internationalen Weg mitgehen. Wir sollten sogar vorangehen, auch wenn man das uns aufgrund unserer deutschen Zögerlichkeit in Sachen Next-gen Mobility wohl kaum abnehmen wird.

Was sind die neuen Trends in Sachen Urbaner Mobilität?

Es gibt nicht wirklich diesen Weg zurück! Zukünftige Lösungen der modernen Mobilität setzen auf elektrische und nachhaltige Mobilitätskonzepte. Das haben die meisten der Hersteller und Dienstleister in Deutschland zwar schon verstanden, aber der Reflex in unserem Lande lässt den ein oder anderen gerne in alte Denkmuster zurückfallen. Arbeitsplatzschutz als Deckmantel für ein Zurückdrehen der Uhr in die Zeit von Dieselskandal und Vertuschung. No way!

Wollen wir tatsächlich wieder mehr Tankstellen für die Verbrennerfahrzeuge bauen? Ganz gewiss nicht und wer die Aktivitäten der Ölmultis verfolgt, der erkennt wie dort Investments in nachhaltige Geschäftsmodelle vollzogen werden. Da reicht ein Blick in die Portfolios der Venture Capital Töchter von Shell oder Total, um diesen Wandel nachzuvollziehen. Beide gehören zu den aktivsten Investoren in europäische Mobility Startups.

Der Ausbau und die Vereinfachung der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge muss jetzt weiter verstärkt werden. So wie der Siegeszug der kleineren Elektroautos in Urbaner Mobilität nicht aufzuhalten ist. Letztlich müssen die Automobilhersteller den Elektroautoanteil in ihren Verkaufszahlen ohnehin deutlich erhöhen, so dass sie ihre CO2-Ziele einhalten können. Dass wir an diesen Zielen nicht zurückdrehen, das versteht sich von selbst, wenn wir an die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer lokalen Mobility-Industrie glauben.

Bildrechte: Michael Brecht – eddy E-Roller Sharing in Düsseldorf

Obacht bei kleineren Mobility Startups in Europa

Aufpassen müssen wir auf die kleineren Mobility Startups und deren Überleben in unseren Städten. Ich vergleiche das gerne mit dem Einkaufen beim kleineren Gemüsehandel um die Ecke, oder dem Buchgeschäft in der eigenen Straße. Viele der Mobility Startups sind im Bereich der Mikromobilität aktiv, also mit ihren E-Scooter, E-Moped oder eBike Sharing Leistungen.

Nicht nur weil ich das Vorgehen von Bird gegenüber seinen (Ex-)Mitarbeitern unverantwortlich finde, sondern weil ich weiterhin europäische Anbieter in unseren Städten sehen möchte. Ich appelliere an jeden Mobilitätsverantwortlichen in unseren Städten, die Kooperation mit Anbietern geführt von Unternehmern wie dem Management von Bird zu überdenken.

Lasst uns als Kunden auf die Angebote von dott, emmy, TIER, VOI und Co. zurückgreifen, dort wo wir diese Sharing Dienstleistungen nutzen können. Wir haben hierbei, ähnlich dem Prinzip des ‘Tante-Emma-Ladens’, die Lösung vor Ort und fördern somit eine nachhaltige Mobilität mit lokaler Kompetenz. Den europäischen OEMs und Zulieferern wünsche ich den Mut, Innovationen anzugehen und nicht in alte Denkmuster zurückzuverfallen. Drückt den Reset Knopf und begreift diese Pandemie als Weckruf für Nachhaltigkeit und ehrliches Miteinander. So geht für mich Mobilität in den Zeiten nach COVID-19.